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"Mein Herz brennt für die Psychosomatik"

Elisabeth Büchner-Lammers, 46-jährig (Bild), ist die neue Leiterin des Bereichs Psychosomatik der Reha Seewis. Die aus Deutschland stammende Fachärztin für Anästhesie sowie für psychosomatische Medizin und Psychotherapie unterstreicht im Gespräch mit den «E-News der Reha Seewis»: «Auch in der Schweiz sollte die Psychosomatik im medizinischen Alltag eine markant grössere Rolle spielen.» Sie will deshalb diese medizinische Disziplin und namentlich die nachweisbar grossen Erfolgschancen der stationären psychosomatischen Rehabilitation in der Schweizer Ärzteschaft gezielt besser bekanntmachen. Lesen Sie die Antworten auf sechs Fragen an Elisabeth Büchner-Lammers.

Elisabeth Büchner-Lammers, weshalb reizt Sie die Reha Seewis als Ihre neue Wirkungsstätte?
Elisabeth Büchner-Lammers: In meiner ärztlichen Laufbahn war ich in der Anästhesie und auch in der hausärztlichen Allgemeinmedizin tätig. Doch mein Herz brennt für die Psychosomatik. Deshalb habe ich nach einer entsprechenden Ausbildung im November 2011 zusätzlich zu meinem ersten Facharztdiplom in Anästhesie auch noch das Facharztdiplom für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie erworben. Ich war dann psychosomatische Oberärztin im Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach in Deutschland und im Landeskrankenhaus Hohenems im österreichischen Vorarlberg. In meinen Einstellungsgesprächen in der Reha Seewis habe ich sofort gespürt, dass an diesem schönen Ort in Graubünden die Psychosomatik entschieden gefördert und ausgebaut werden soll. Zudem beeindruckt mich hier die konsequente Interdisziplinarität der massgeschneiderten Rehabilitationsprogramme. Da mein Mann im nicht allzu weit entfernten Landeskrankenhaus Feldkirch die Intensivstation leitet, passt Seewis auch in mein Privatleben.

Weshalb ist denn die Psychosomatik so wichtig in der modernen Medizin?
Elisabeth Büchner-Lammers: Die Psychosomatik geht stets der Verflechtung von Körper und Seele auf den Grund. Psychische Erkrankungen sind eine nach wie vor wachsende Ursache von lebenslangen Renten oder längerdauernden Krankheitsabsenzen. In den seltensten Fällen handelt es sich um rein psychiatrische Krankheitsbilder, sondern um psychosomatische. Bekannte Beispiele dafür sind chronische Schmerzen aller Art, die wahren Hintergründe des Burnouts, der a priori keine medizinische Diagnose ist, Angststörungen, Essstörungen, Schlafstörungen. Gesamtheitlich, wie es hier in der Reha Seewis vorbildlich gemacht wird, muss in der Kardiologie auch ein Herzvorfall angegangen werden: Die meist damit einhergehenden Angststörungen und Schlafstörungen sind psychosomatischen Ursprungs und müssen entsprechend behandelt werden. Es ist generell wichtig, der psychosomatischen Sichtweise in der Medizin vermehrt zum Durchbruch zu verhelfen.

Was beeindruckt Sie an der Reha Seewis?
Elisabeth Büchner-Lammers:
Beeindruckt bin ich von der warmen familiären Atmosphäre mit flachen Hierarchien. Aus medizinischer Sicht ist in erster Linie die konsequent auf die Patientinnen und Patienten ausgerichtete interdisziplinäre Herangehensweise ein Plus. Und: Trotz der offenbar schwierigen Rekrutierungsmöglichkeiten im Schweizer Gesundheitsbereich ist das gesamte Team hochqualifiziert und arbeitet Hand in Hand. Die Patientinnen und Patienten erhalten ein individuelles interdisziplinäres Therapieprogramm. Dabei wird das breite Therapieangebot der Klinik gezielt eingesetzt: ärztliche Behandlung, Psychotherapie, Kreativtherapien, Sporttherapie zum Aufbau der körperlichen Leistungsfähigkeit, körperorientierte Therapien wie Atemtherapie, progressive Muskelentspannung, Stressreduktion, Bewegungs- und Tanztherapie, Ernährungsberatung, Vorträge über die gesunde Lebensweise. Kommt dazu, dass die Rehabilitation fernab vom Alltag inmitten einer schönen landschaftlichen Umgebung mit gesunder Luft stattfindet.

Bei welchen Krankheitsbildern hat die stationäre psychosomatische Rehabilitation die grössten Erfolgschancen?
Elisabeth Büchner-Lammers:
Erfolgversprechend sind unsere stationären Rehabilitationsprogramme besonders bei somatoformen Störungen, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen. Dazu zählen Schmerzstörungen oder Angststörungen infolge somatischer Erkrankungen, die ohne gezielte Therapie die Weiterführung eines normalen Lebens offensichtlich verunmöglichen. Zudem werden auch bei Depressionen gute Behandlungsergebnisse erzielt.

Wie steht es mit dem Burnout
Elisabeth Büchner-Lammers: Gerade Manager und andere Erfolgsmenschen schämen sich oft, ein Burnout «zu outen». Nur eben: Im geltenden medizinischen Diagnosesystem ist der Burnout keine eigenständige Diagnose und daher schwierig zu platzieren. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Burnout klinisch überwiegend als ein Krankheitsbild wie Depression, Angststörung oder Anpassungsstörung. Weil es dann in erster Linie darum geht, die Lebensweise zu ändern und die eigene Definition über Leistung und Erfolg zu erweitern, hat ein genau darauf ausgerichtetes individuelles psychosomatisches Rehabilitationsprogramm an der Reha Seewis grosse Erfolgsaussichten.

Was sind Ihre nächsten Ziele?
Elisabeth Büchner-Lammers:
Im Bereich der psychosomatischen Krankheitsbilder ist es oft schwierig, alle Betroffenen und Interessierten von den nachweisbar grossen Erfolgschancen der stationären psychosomatischen Rehabilitation zu überzeugen. Mein Ziel ist es deshalb, aufgrund der erfreulichen Therapieergebnisse der Reha Seewis Patientinnen und Patienten und namentlich deren ärztliches, familiäres und berufliches Umfeld über die Vorteile der psychosomatischen Rehabilitation zu informieren. Zu diesem Zweck werde ich mit den Zuweisern, den Verantwortlichen von medizinischen Institutionen, den Vertretern der Kostenträger und mit weiteren Interessierten das persönliche Gespräch suchen. Ausserdem will ich die Vorteile und die Unentbehrlichkeit der psychosomatischen Medizin mit Vorträgen und Fachartikeln in das Zielpublikum tragen.